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Strukturen

Kreiskultur und Kommunikation Grundform nachhaltiger Sozialstrukturen und Organisationsformen Textquelle: Vivian Dittmar, www.viviandittmar.net

Die Runde

In der Runde wird ein Redestab eingesetzt, um die Rolle des Sprechers klar zu definieren und ihm die uneingeschränkte Aufmerksamkeit der Zuhörer zuzusichern. Die Runde ist geeignet, um ein ausgewogenes Bild und einen Überblick über den Ist-Zustand des Kreises zu bekommen. In der Runde wird der Redestab der Reihe nach von einem zum anderen gereicht, sodass jeder die Gelegenheit hat, sich ohne Unterbrechungen oder Zwischenfragen zu einer bestimmten Frage oder zu einem Thema zu äußern. Die Runde wird häufig offeneren Kommunikationsformen wie dem strukturierten oder dem offenen Dialog vorangestellt, um jedes Kreismitglied einzubinden. Hat jemand nichts zu sagen, kann er den Stab auch einfach weiter reichen.

Strukturierter Dialog

Im strukturierten Dialog wird wie bei der Runde mit dem Redestab gearbeitet. Hier wird dieser jedoch nicht im Kreis herumgereicht, sondern liegt zunächst in der Mitte. Er kann von jedem Kreismitglied aufgenommen werden. Hat jemand seine Kommunikation beendet, legt er den Stab wieder zurück in die Mitte oder reicht ihn jemand anderem, der nun das Wort ergreifen möchte.

Offener Dialog

Der offene Dialog ist die am wenigsten strukturierte Form der Kreiskommunikation und daher die anspruchsvollste. Oberflächlich betrachtet scheint sie anderen, uns geläufigeren Kommunikationsformen wie etwa der Diskussion, nicht unähnlich zu sein. Die grundlegend andere Haltung, die der Kreiskommunikation zugrunde liegt, gibt dem offenen Diaglog im Kreis jedoch eine Dynamik, die jener einer Diskussion diametral gegenübersteht. Geht es in einer Diskussion vor allem darum, gegeneindander zu reden, steht beim offenen Dialog das gemeinsame Denken im Mittelpunkt.

Beim offenen Dialog im Kreis wird der Kommunikationsfluss nicht durch festgelegte Rollen oder durch den Einsatz eines Redestabes gelenkt. Das Wort und damit auch die Aufmerksamkeit des Kreises, kann frei von einem zum anderen springen. Wie bei einem natürlichen Fluss kann dies zuweilen geruhsam und beschaulich geschehen, zuweilen auch sehr dynamisch und leidenschaftlich.

Wenn eine Gruppe gut in der Kreiskommunikation geübt ist und in den ihr zugrundeliegenden Werten des Respekts, der Achstamkeit und der Wertschätzung verankert ist, kann der eine sogar den Satz des anderen zuende führen, ohne dass dies als Unterbrechung oder Respektlosigkeit aufgegriffen wird. Der Kreis offenbart hier seine wahre Stärke: die Intelligenz Einzelner fügt sich zu einem organischen, lebendigen Ganzen zusammen. Die Kreismitglieder ergänzen sich wie die Nervenzellen eines Gehirns und können gemeinsam Lösungen und Erkenntnisse erarbeiten, die dem Einzelnen allein nicht zugänglich gewesen wären.

Zuweilen kann es im offenen Dialog vorkommen, dass Spannungen zwischen Kreismitgliedern an die Oberfläche kommen und den kooperativen, natürlichen Kommunikationsfluss vereiteln. Hier beginnen sich dann die klassischen Merkmale einer Diskussion zu zeigen: Kreismitglieder lassen einander nicht ausreden, es wird nicht mehr wirklich zugehört, Sprecher wiederholen die immer gleichen Argumente, ohne sich von den Worten der anderen berühren oder bewegen zu lassen.

Dies ist die Situation, in der der Hüter wie oben beschrieben eingreift und anregt, zu einer mehr strukturierten Form der Kommunikation zurückzukehren, einen Moment der Stille einzuschieben oder ein Counceling zu machen, in dem jeweils zwei Kreismitglieder einander zuhören und so einen Raum der Annahme und der Wertschätzung wieder herstellen. Besonders, wenn das Counceling in dieser Weise eingesetzt wird, sollten die Personen zwischen denen Spannungen aufgetreten sind nicht miteinander sprechen. Jeder sollte einen anderen Partner wählen, sodass ihm wirklich unterstützendes Zuhören zuteil wird und Spannungen effektiv abgebaut werden können.

Kreiskommunikation und Entscheidungsfindung

Eine der interessantesten Fragen, mit denen Kreiskommunikation uns konfrontiert, ist jene der Entscheidungsfindung. In hierarchisch geprägten Strukturen ist dies primär eine Frage der Entscheidungsbefugnis oder gar -gewalt, also der Macht. Diese Frage stellt sich in Kreiskulturen nicht. Wenn Führung Sorge und Verantwortung für das Ganze bedeutet, geht es bei der Entscheidungsfindung vor allem darum, gemeinsam die beste Entscheidung für das Ganze zu finden, wohl wissend, dass damit auch das Wohlergehen des Einzelnen gewährleistet ist. Anders ausgedrückt: Kreiskommunikation ist eine Form der Zusammenkunft, in der natürliche Konsensbildung geschieht.

Natürliche Konsensbildung

Für hierarchisch oder sogar demokratisch geprägte Menschen kommt die Vorstellung einer Konsensentscheidung einem Albtraum nahe. Es erscheint undenkbar, dass eine Gruppe von fünf, zehn oder fünfzig Leuten bei einem Thema einer Meinung sein könnte. Und wenn wir beobachten, welche Wortgefechte und sogar Schlammschlachten auf politischer Ebene abgehalten werden, um auch nur eine Mehrheit von knapp 50% zu erlangen, sind diese Bedenken durchaus verständlich. Sie zeigen jedoch nur, dass ein Verständnis der Mechanimen fehlt durch die Konsensbildung geschieht und was dieser zugrunde liegt. Natürliche Konsensbildung basiert weder auf “halbscharigen” Kompromissen noch auf Argumenten, die so stichhaltig sind, dass alle überzeugt sind. Natürliche Konsensbildung basiert vielmehr auf dem Prinzip der Kollektiven Intelligenz oder des gemeinsamen Denkens. Entscheidungen werden nicht getroffen, sondern gefunden, ganz im Sinne der ursprünglichen Bedeutung des Wortes “Entscheidungsfindung”. Wenn eine Lösung durch einen gemeinsamen Denkprozess entsteht, wird diese auch automatisch von allen Beteiligten mitgetragen, wodurch offener oder verdeckter Sabotage schon im Vorfeld aller Wind aus den Segeln genommen wird.

Strukturierte Konsensbildung

Da den meisten Menschen der Sprung von einer hierarchischen oder demokratischen Denkweise in eine konsensorientierte Haltung nicht so ohne weiteres gelingen dürfte, gibt es auch bei der Konsensbildung strukturierende Prozesse, die gerade bei schwierigen Einigungen hilfreich sind. Sie sind zwar kein Ersatz für eine Grundhaltung des Respekts, der Wertschätzung und der Kooperation, sie erleichtern jedoch die Beibehaltung dieser Werte und erleichtern das Verständnis des Konsensbildungsprozesses im Allgemeinen.

Strukturierte Konsensbildung funktioniert meist nach folgendem Schema: Vorschlag, Austausch oder Dialog, Konsensbildung. In der strukturierten Konsensbildung wird jedem Kreismitglied das Recht zugesprochen, einen bestimmten Vorschlag durch ein Veto zu blockieren, sofern er oder sie der Meinung ist, dass diese Entscheidung dem Ganzen schaden würde. Das Ganze kann in diesem Fall der ganze Kreis, das ganze Unternehmen, die ganze Organisation oder sogar die ganze Welt sein. Eine Entscheidung kann also nicht aus persönlichen Widerständen oder Vorlieben blockiert werden. Wenn bei einer Entscheidung von niemandem ein Veto eingelegt wird, gilt der Vorschlag als angenommen. Das bedeutet in der Praxis also, dass nicht jeder dem Vorschlag zustimmen muss, dass es vielmehr ausreicht, wenn keiner widerspricht.

Auch die strukturierte Konsensbildung verlangt von allen Beteiligten ein hohes Maß an persönlicher Reife, da ehrlich zwischen persönlichen Vorlieben und Belangen von allgemeinem Interesse unterschieden werden muss. Organisationen, die über Jahre mit dem strukturierten Konsens arbeiten berichten, dass von dem Vetorecht quasi nie Gebrauch gemacht wurde. Das mag zunächst verblüffend erscheinen und unseren Erwartungen widersprechen, ist bei genauerem Hinsehen jedoch nur logisch. Wenn jeder eine Vetomacht hat, wird ihm schon in der Dialogphase einer anstehenden Entscheidung ausreichend Gehör geschenkt. Das Veto muss nicht ausgespielt werden, um sich Gehör zu verschaffen. Die Richtlinie, dass nur ein Veto im Sinne des Ganzen rechtmäßig ist, unterstützt wiederum jeden Einzelnen darin, seine persönlichen Motive ehrlich zu prüfen, bevor ein bestimmter Einwand eingebracht wird.

In manchen Systemen kann auch eine abgeschwächte Form des Konsens sinnvoll sein. Dies ist vor allem dann der Fall, wenn es Bedenken bezüglich der persönlichen Reife der Beteiligten gibt. Anders als beim strukturierten oder natürlichen Konsens kann beim abgeschwächten Konsens ein Veto unter bestimmten, vorher klar festgelegten Voraussetzungen, übergangen werden. Beispielsweise wenn alle anderen Kreispersonen einstimmig den Eindruck haben, dass das Veto nicht aus Sorge um das Ganze, sondern aus persönlichen Gründen eingebracht wurde. Auch dieser Mechanismus kommt in der Regel nicht zum Einsatz, er stellt jedoch einen zusätzlichen Anreiz da, die eigenen Motive für ein Veto noch kritischer zu hinterfragen.

Kreiskommunikation und Kreiskultur

Die hier angeführte detaillierte Beschreibung von Kreiskommunikation ist als Beispiel der Grundprinzipien und -dynamiken der Kreiskultur gedacht. So wie Führung, Werte, Struktur und Kooperation sich in der Kreiskommunikation ausdrücken, so können sie auch die Zusammenarbeit in einer von Kreiskultur geprägten Organisation oder in einem Unternehmen prägen.

Auch hier gilt der Grundsatz: Je tiefer eine Gruppe in den Grundprinzipien der Kreiskultur verankert ist, desto weniger Struktur bedarf sie, desto organischer kann sie sich entwickeln, entfalten und zusammenarbeiten.

Der folgende Ausschnitt aus David Bohms Standardwerk “Über Dialog” verdeutlich, wie Kreiskommunikation und Kreiskultur ineinandergreifen, wenn einer Gruppe die zugrundeliegenden Prinzipien selbstverständlich sind:

“Vor einiger Zeit gab es einen Anthropologen, der lange Zeit mit nordamerikanischen Indianern lebte. Es war eine kleine Gruppe. Die Jäger und Sammler haben typischerweise in Gruppen zwischen zwanzig und vierzig gelebt. Ackerbauende Gruppen waren viel größer. Nun, dieser Indianerstamm traf sich von Zeit zu Zeit wie wir hier in einem Kreis. Sie redeten und redeten und redeten, scheinbar ohne bestimmten Zweck. Sie trafen keine Entscheidungen. Es gab keinen Leiter. Und alle konnten daran teilnehmen. Es gab vielleicht weise Männer oder Frauen, denen man ein bisschen mehr zuhörte - das waren die Älteren - aber jeder durfte sprechen. Diese Zusammenkunft dauerte so lange, bis sie sich scheinbar ohne Grund auflöste. Und doch, jeder schien danach genau zu wissen, was er zu tun hatte, weil sie einander so gut verstanden hatten. Dann konnten sie sich in kleineren Gruppen treffen und etwas tun oder Entscheidungen fällen.” (Bohm, 1995, pp. 11 - 12)

Das interessante an diesem Beispiel ist, dass die Kommunikation innerhalb des Stammes nicht vordergründig dem Informationsaustausch oder der Entscheidungsfindung diente, sondern dem Verständnis und der Verbindung der einzelnen Mitglieder. Diese nicht primär auf Effizienz ausgelegte Form der Zusammenkunft zahlt sich im Nachhinein aus, weil dann jeder Einzelne scheinbar autark im Sinne des Ganzen handeln kann.

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